Mein Gehirn und ich

Mein Gehirn und ich – die Überschrift klingt, als wäre mein Oberstübchen ein eigenständiges Wesen, losgelöst von meiner Person … eine Art Haustier vielleicht. Ich mag diesen Gedanken. Mein Denkorgan verhält sich tatsächlich wie ein Hund, dessen Leinenführigkeit zu wünschen übrig lässt. Es prescht viel zu oft voran und ich habe Mühe zu folgen. Manchmal halte ich die Leine kurz, damit sich das übermütige, eigensinnige Hirn endlich auf die Zahlenketten der Steuererklärung konzentriert. 

Wenn ich die Leine löse, tobt das Gehirn wild herum und kann grenzenlos assoziieren. Das hat es besonders gern. Im besten Fall legt es mir hinterher anstelle eines Knochens eine gute Idee vor die Füße. Andere Menschen klopfen mir dann dafür auf die Schulter. Obwohl ich nie weiß, wie groß mein Anteil an so einem Geistesblitz wirklich ist. Wer weiß, wer vorher alles auf der Hundewiese gespielt hat.

Ständig ist mein Hirn auf der Suche nach Duftmarken anderer Gehirne. Als Mentalmagier interessieren mich andere Gehirne geradezu zwangsläufig. Was denken sie? Wie denken sie? Die eigentliche Illusion – die Frucht meiner Arbeit – entsteht nämlich in Ihrem Kopf, liebe(r) Leser*in. Ein Gemälde bleibt ein Gemälde, unabhängig davon, ob ein Mensch es betrachtet oder nicht. 

Die Magie aber benötigt unabdingbar Mitspieler: Ihre Anwesenheit und Ihre Schlußfolgerungen machen das magische Erlebnis erst komplett. Ich kann mich ja schlecht vor den Spiegel stellen und sagen: `Boa, wie habe ich das nur wieder gemacht.´ Ich weiß ja um das Geheimnis, um den Modus Operandi. 

Der Magier hat eine ähnliche Funktion wie der Queue beim Billardspiel: Er stößt die Kugel im Kopf des Zuschauers an, damit sie ins Rollen kommt. Den finalen Akt aber vollzieht der Mitspieler: In seinem Kopf muss die Logik kapitulieren. In gewissem Sinn nutze ich die Arbeitsweise Ihres Gehirns schamlos aus. Dafür gewinnen Sie etwas Besonderes: Das einzigartige Gefühl großen Staunens. 

Die Mechanismen im Kopf, die dabei jeweils die Täuschung ermöglichen, sind uralt. Den ganzen Verlauf der Evolution spiegelt unser Gehirn wider. Kaum vorstellbar, finden Sie nicht? Im Hirnstamm – dem ältesten Teil unseres Gehirns – sind Muster eingebettet, die über Jahrtausende entstanden sind: Dinge, die sich bewegen, wecken unweigerlich das Interesse der grauen Zellen. Das Neue, Ungewohnte, Überraschende zieht uns förmlich magisch an. Es könnte ja Gefahr im Verzug sein. Oder eine fette Beute locken. 

Und noch ein Grund, warum sich mein Gehirn mit sich selbst, sprich dem menschlichen Denkapparat, beschäftigt. Alles beginnt schließlich im Kopf. Das zeigt schon, wie wichtig das Zerebrum ist. Jeder Wunsch, jede Unternehmung, jedes Ziel ist am Anfang doch nur das: Ein Gedanke, eine fixe Idee.

Manche Denkstrukturen sind den eigenen Wünschen und Zielen enorm zuträglich. Andere Glaubenssätze dagegen stehen uns im Weg. Neben den Verhaltensmustern der Frühmenschen tragen wir auch die neuronalen Muster unserer Eltern und Großeltern in uns. Deren Werte und Verhaltensweisen sind Teil unserer eigenen Persönlichkeit. Auf diesen Mustern bauen wir auf. Jeder ist – mehr oder weniger – in seinem Kopf, in der eigenen Denkweise, gefangen. Denkmuster wie `Ich weiß alles besser“ oder „Ich bin nichts wert“ begleiten uns ein Leben lang. Ich zum Beispiel wollte oft mit dem Kopf durch die Wand. Inzwischen habe ich gelernt, dass es besser ist, nach einer Tür Ausschau zu halten.

Denn: Wir müssen nicht zeitlebens im Dickicht der eigenen Denkstrukturen straucheln. Wenn wir unser eigenes Denken reflektieren, haben wir die Chance, unserem Leben eine Wendung zu geben. Wenn es uns gelingt, alte Denkmuster und -gewohnheiten aufzubrechen und zu verändern, können wir – so hochtrabend das vielleicht klingt – unser Schicksal verändern. In unserem Kopf liegt eben sehr oft beides: Die Ursache und die Lösung eines Problems.